Als Schulleiter einer Berliner Schule vertrete ich die Auffassung, dass keine Schule in der Einflug- oder Startschneise eines Berliner oder Brandenburger Flughafens liegen sollte.

Daher bin ich für die Schließung vom TXL nach der Eröffnung vom BER.

Letzte Woche bin ich gerne einer Bitte einer Bürgerinitiative gefolgt, auf dem Pankower Dorfanger für die Schließung des TXL nach der Eröffnung des BER zu werben. Da es während meiner Redezeit einen Starkregen gab, hatte ich mich beim gesprochenen Wort zu einer starken Kürzung des Manuskriptes entschieden. Auf vielfältige Nachfrage hin veröffentliche ich hier gerne den ungekürzten Redebeitrag:

"Liebe Pankower, liebe Gäste auf unserem schönen ehemaligen Dorfanger,

vor 100 Jahren ahnten die Pankower, die Rosenthaler, die Wilhelmsruher, die Frohnauer und die Tegeler nicht, dass sie drei Jahre später alle Berliner sein würden.

Doch ab dem 01.10.1920 lebten sie dann - wie auch die Buchholzer, die Frohnauer und die Hermsdorfer - in der flächenmäßig zweit- und von der Einwohnerzahl drittgrößten Stadt der Welt.

Vor 50 Jahren ahnte ich, da drüben in der Schulstraße aufwachsend, nicht, dass ich je vom Flughafen Tegel fliegen würde, der 1974 in seiner jetzige Form neu eröffnet wurde. Doch zum Glück war das ab Ende 1989 auch für uns Pankower möglich.

Vor über fünf Jahren ahnten wir alle nicht, dass wir heute noch Flugverkehr von und nach Tegel haben würden. Doch leider wurde bei dem neuen Großflughafen für Berlin, der vor über fünf Jahren eröffnet werden sollte, ja so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte:

  • Eine Fehlwahl bezüglich des Standortes
  • Die Fehlentscheidung, dass die Länder und der Bund selbst das Bauen übernahmen
  • Ein falsche Ursprungsprognose über die abzufertigenden Passagieranzahl zur Mitte und am Ende dieses Jahrhunderts

Die Liste aller Fehler zum politischen Prozess und zum Bau der BER sprengt alle Dimensionen.

Doch selbst dann, wenn sich herausstellen sollte, dass Berlin einen zweiten Flughafen braucht und selbst dann, wenn es irgendwann 90 Millionen Passagiere für die Region Berlin/Brandenburg abzufertigen gälte, kann man gemachte Fehler nicht durch einen weiteren Fehler ausbügeln. Das lehren Eltern ihren Kindern schon im frühesten Alter.

Und die Offenhaltung des innerstädtischen Flughafens „Otto Lilienthal“ in Berlin-Tegel, des Flughafens, der dem freien Teil unserer Stadt vor 1989 die Anbindung an die freie Welt ermöglichte, nach der von den meisten Berlinern derzeit so geduldig erwarteten Eröffnung des BER wäre ein Fehler. Ein weiterer und ein riesengroßer sogar. Einer, mit dem man etwas an falsch Gelaufenem ausbügeln möchte.

Und daher warne ich auch im Sinne des Erhalts und der Akzeptanz unserer Demokratie, auf die ich selbst 29 Jahre meines Lebens verzichten musste, vor einer „Rolle rückwärts hin zur Offenhaltung von TXL“. An der von mir geleiteten Schule legen wir sehr viel Wert darauf, dass unsere Schülerinnen und Schüler erfahren und erleben, wie schwer der demokratisch erzielte Kompromiss zu erreichen ist und wie wahnsinnig viel Zeit (im Gegensatz zur Diktatur) für jede einzelne Entscheidung in der Demokratie notwendig ist.

Daher: Alle, die den demokratisch gefundenen Kompromiss, mag er auch noch so viele Fehler enthalten, nicht mehr würdigen, alle, die Fehler durch das Gegenteil von ebenfalls Verabredetem wett machen wollen, alle, die zu jedem Zeitpunkt schon Verhandeltes als obsolet darstellen, alle diejenigen tragen dazu bei, einen Weg in die Anarchie zu öffnen.

Kurzum:

Falls nun Berlin in 100 Jahren tatsächlich wieder eine der größten und bevölkerungsreichsten Städte der Welt sein sollte, falls Berlin - und ich gehe sogar davon aus: bald - bis weit über die jetzigen Stadtgrenzen hinaus gewachsen sein sollte, und falls Berlin irgendwann einen zweiten Flughafen benötigen sollte, dann sollen die Länder Berlin, Brandenburg und der Bund alle die vielen Fehler, die man bezüglich des BER begangen hat, gefälligst tunlichst vermeiden. Aber sie sollen bitteschön keinen innerstädtischen Flughafen weiterbetreiben oder gar neu planen, und zwar im Interesse der verdichteten Wohnbevölkerung, im Interesse der unter den Flugschneisen Lernenden und Arbeitenden, aber auch: Im Interesse unserer Demokratie!

Und nun wünsche ich uns noch viel Spaß auf unserem schönen alten ehemaligen Dorfanger, der jahrhundertlang nicht ahnte, dass er seit jetzt 97 Jahren zu Berlin gehört und dass seit nunmehr über 50 Jahren ständig Flugzeuge über ihn hinwegdonnern."

Ralf Treptow